Interview Chefpolier
Wenn jemand die Baustelle der Querung Grüze kennt, dann Beat Klaus. Er ist seit Baubeginn 2023 der Chefpolier der ARGE IL Grüze und sorgt mit seinem Team dafür, dass aus digitalen Plänen physische Realität wird. Seine Erfahrung mit grossen Projekten wie beispielsweise dem neuen Flusskraftwerk in Rheinfelden, der Sanierung des Bünztalviadukts auf der A1 bei Othmarsingen und dem Bau der Bahnhofspasserelle in Basel macht ihn für das Projekt Querung Grüze und für die Stadt Winterthur als Auftraggeberin zu einem Schlüsselmitarbeiter.
Beat Klaus: Ja, das kann man durchaus so sagen. Und damit ist sie für uns eine Standardbaustelle – unsere Bauprojekte sind immer komplex und damit schwierig. Es gibt für mich vier Faktoren, die eine Baustelle schwierig machen: Wasser, Strom, Verkehr und viele Nachbarn. Bei allen Grossprojekten, an denen ich mitgearbeitet habe, hatten wir jeweils mindestens drei Faktoren in der Rechnung, hier in der Grüze sind es alle vier – wobei ich jetzt das Arbeiten neben der Eulach nicht direkt mit dem Arbeiten im Rhein gleichsetzen würde.
So schön das wäre: Nein, das geht nicht. Vom Bauwerk her geht das nicht, weil wir vom schwersten Punkt der Brücke, der Nordecke über der Frauenfelder Linie, etappenweise nach Süden und nach Osten bauen. Dabei muss das Bauwerk immer im Gleichgewicht bleiben. Und von der Baustelle her geht das auch nicht: Wir haben ein eng geschnürtes Korsett von Zeitfenstern, in denen wir an und über den Gleisen und Stromleitungen arbeiten können. Diese Zeitfenster sind mit der SBB abgesprochen, und zwar mehr als zwei Jahre voraus. Es gibt diesbezüglich keine Flexibilität, und diese Zeitfenster geben uns die Planung der Arbeiten vor. Schneller zu sein, bringt uns im Fall der Querung Grüze nichts.
Wegen der Verkehrs- und Stromsituation muss beim Bau der Querung Grüze häufig rund um die Uhr gearbeitet werden. Haben Sie sich ein Appartement in einem der Baucontainer eingerichtet, damit Sie immer vor Ort sein können?
Nein, bei der Grüze habe ich Glück: Ich wohne im Kanton Thurgau und bin in gut einer halben Stunde zu Hause. In der Vergangenheit habe ich bei lange dauernden Grossprojekten unter der Woche in der Nähe der Baustelle gewohnt. So habe ich einiges von der Schweiz kennengelernt. Es ist schon so: Grosse Infrastrukturprojekte wie beispielsweise Staumauern, setzen voraus, dass die Arbeiterschaft eine grosse Portion Flexibilität mitbringt und teilweise auf ein «normales Leben» verzichtet.
Wie sind Ihre Arbeitszeiten?
Für die Arbeiter der Tagschicht: Von morgens um sieben bis nachmittags um halb fünf Uhr. Ich komme in der Regel am Morgen zwischen fünf und halb sechs Uhr auf die Baustelle. Als Erstes überprüfe ich den Tagesablauf, schaue die Wetterprognose an und spreche um halb sechs mit dem Polier der Nachtschicht über den Stand der Arbeiten und die anstehenden Aufgaben. Ab etwa sechs Uhr treffen die ersten Arbeiter ein.
Vor dem Arbeitsbeginn um sieben kommt es vor, dass ich auf private Fragen oder Problemen angesprochen werde – Briefe von Ämtern beispielsweise oder Korrespondenz mit Vermietern oder mit Lehrpersonen der Kinder. Für viele Bauarbeiter ist die Verständigung auf Deutsch schwierig.
Wenn die Arbeiter am Abend weg sind, geht für mich die Arbeit noch etwas weiter – Arbeitsberichte, Stundenerfassung, Bestellungen, die Übergabe an den Polier der Nachtschicht. Ich schaue, dass ich um sechs Uhr nach Hause fahren kann. Aber es gibt natürlich spezielle Situationen, da bleibe ich auch über Nacht, wie zum Beispiel beim Betonieren der Brückenplatte im September letzten Jahres.
Sie haben die Sprachproblematik von Teilen der Arbeiterschaft erwähnt. Gibt es eigentlich eine Baustellensprache?
Die Arbeitsinstruktionen von mir an die Poliere und Vorarbeiter sind auf Deutsch. Je nach Teamzusammenstellung wird dann die Herkunftssprache oder Italienisch gesprochen. Kollegen aus Albanien und aus Portugal beispielsweise haben Italienisch als grössten gemeinsamen Nenner.
Wenn Sie um morgens um fünf Uhr auf der Baustelle sind, dann stehen Sie sehr früh auf.
Ja, und wissen Sie was? Ich mache es gerne, weil ich mich auf die Arbeit freue. Ich habe den für mich idealen Beruf gefunden, und ich bin dankbar, dass meine Frau und meine Töchter meine langen Abwesenheiten akzeptieren.
Sie arbeiten für die Implenia und auf dieser Baustelle zusammen mit Kollegen von der Landolt-Gruppe und fallweise zugezogenen Spezialisten. Heisst das, dass Sie als Chefpolier auch Vorgesetzter der Teams von Landolt sind?
Ja, im Tagesgeschäft bin ich verantwortlich. Sehen Sie, Grossbaustellen haben eigene Regeln. Es spielt keine Rolle, wer von welcher Firma den Lohn erhält, wichtig ist der Bau. Ich finde es übrigens immer spannend, mit Kollegen aus anderen Firmen zusammenzuarbeiten – unterschiedliche Firmen haben unterschiedliche Kulturen und Methoden, und ein Austausch darüber erweitert den Horizont.
Arbeiten Sie über die vier Jahre Bauzeit in der Grüze mit dem gleichen Team?
Nein, je nach Bauphase und geforderten Kenntnissen ändert sich die Zusammensetzung der Teams. Effektiv bin ich der Einzige, der während der Gesamtbauzeit immer auf der Baustelle ist.
Sie haben erwähnt, dass die Anwohnerschaft einer der vier Faktoren sei, die eine Grossbaustelle schwierig machen. Lärm, Staub, Nachtarbeit, Verkehrseinschränkungen sind für die Nachbarinnen und Nachbarn mühsam. Wie
erleben Sie die Anwohnerschaft hier in der Grüze?
Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Menschen und Firmen, denen wir manchmal in den Vorgarten trampen müssen, und erleben Verständnis und die Bereitschaft, uns pragmatisch zu unterstützen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön dafür, und ich hoffe, das bleibt auch die nächsten zwei Jahre so!
Die Digitalisierung hat die Planung von Bauwerken massiv beschleunigt. Wie sieht das in der Ausführung aus?
Die Digitalisierung hat tolle Erleichterungen mit sich gebracht: Die Materiallogistik hat sich damit massiv vereinfacht, beispielsweise die Bestellung von Beton, der auf die Viertelstunde genau auf der Baustelle sein muss. Die Vermessung der Baustelle und des Baus, die Zeiterfassung und die Kostenkontrolle sind einfacher geworden und damit auch die Übersicht über den Stand des Projekts.
Die Tagesplanung meiner Teams mache ich aber händisch, auf Papier. Ich erhalte die Arbeitsplanung von der Bauführung mit einem Vorlauf von 14 Tagen und kann dann die anstehenden Arbeiten über drei bis vier Tage konkret planen.
Konkret planen heisst: Ich überlege mir für jedes Objekt die auszuführenden Arbeitsschritte, die notwendigen Materialien und Maschinen, die benötigte Zeit und die Teams, die ich in dieser Zeit zur Verfügung habe. Innerhalb eines Arbeitstages kann es dann wegen Wetterereignissen, Verspätungen bei der Anlieferung oder Maschinenpannen zu kurzfristigen Änderungen der Planung kommen. Das ist einer der Aspekte meiner Arbeit, die mir besonders gefallen: das Steuern des Schiffs in voller Fahrt.
Wo die Digitalisierung gar keinen Beitrag leistet, ist bei der Führung. Manche Menschen können miteinander, und manche können nicht miteinander. Teams zusammenzustellen, braucht Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis, das kann man nicht in der Schule lernen. Und auch das Motivieren der Mitarbeiter, vor allem bei Nässe, Kälte und nachts, kann keine App.
Was ist Ihr Rezept in einer solchen Situation? Morgens um viertel vor sieben, es ist dunkel, es regnet, es ist kalt, und das Team soll auf die Brücke?
Vorangehen und mitarbeiten. Mit der Regenmontur auf die Brücke, und den Leuten die Arbeit zeigen und sie begleiten. Und wenn es den ganzen Tag aus Kübeln giesst und das Planpensum um 15.30 Uhr erledigt ist, dann gibt es früheren Feierabend für die Arbeiter.
Sie sprechen ausschliesslich von Arbeitern, also in der männlichen Form. Gibt es denn keine Arbeiterinnen auf der Baustelle?
In den 35 Jahren, in denen ich im Infrastrukturbau arbeite, habe ich zwei Arbeiterinnen kennengelernt, eine Kranführerin und eine Maurerin. Frauen auf Baustellen sind und bleiben eine Seltenheit. Die Baubranche hat ein grosses
Fachkräfteproblem und reagiert mit verschiedenen Massnahmen darauf, unter anderem mit Teilzeitangeboten. Ich zum Beispiel kann seit fünf Jahren 80 % arbeiten. Für meine Familie und mich eine tolle Möglichkeit!
Was machen Sie als Ausgleich für Ihre mental und körperlich anstrengende Arbeit?
Lachen Sie nicht: Brennholz, ich stelle Brennholz her. Ich komme aus einer Bauernfamilie und war schon als Bub gern im Holz. Ich bewirtschafte zusammen mit meinem Vater den familieneigenen Wald und ziehe aus der Holzarbeit Spass und Befriedigung.

Beat Klaus ist Chefpolier der Querung Grüze. Er leitet die Arbeiten seit Baubeginn 2023 und führt ein Team von rund 20 Mitarbeitern. Er hat als Arbeiter und Polier in den letzten 40 Jahren auf Grossbaustellen in der ganzen Schweiz gearbeitet.
Die ARGE IL Grüze besteht aus den beiden Bauunternehmen Implenia und Landolt-Gruppe.
Die Implenia AG ist ein europaweit tätige Immobilien- und Baudienstleistungsunternehmen für Hoch-, Tief-, Infrastruktur- und Tunnelbau mit Sitz in Opfikon und beschäftigt mehr als 9000 Mitarbeitende.
Die Landolt-Gruppe ist eine Bauunternehmung mit Hauptsitz in Andelfingen und beschäftigt im Grossraum Winterthur 450 Mitarbeitende.