Der «Villaggio-Weg» erinnert an Winterthurs Migrationsgeschichte
Ausländische Arbeitskräfte trugen entscheidend zum Erfolg der Winterthurer Industrie bei. Ein Weg im Eulachpark wird neu benannt, um an das ehemalige «Villaggio» (ital. Dorf) zu erinnern: Holzbaracken, in denen «Gastarbeiter» untergebracht waren.
Der Weg zwischen dem Schulhaus Eulachpark und der Halle 710 heisst neu «Villaggio-Weg». Er erinnert an die fünf Holzbaracken, die früher an diesem Ort standen und als Unterkunft für bis zu 400 Sulzer-«Fremdarbeiter» dienten. Sie waren die bekanntesten ihrer Art und erhielten wegen ihrer vorwiegend italienischen Bewohner den Übernamen «Villaggio» (ital. Dorf).
Während in den letzten Jahren viele Strassen gezielt nach Frauen benannt wurden, erinnerte bisher keine Strasse explizit an die migrantische Bevölkerung. 2023 ist das Comitato Cittadino Italiano an die Stadt gelangt mit dem Bedürfnis, öffentliche Anerkennung für den Beitrag der italienischen «Fremdarbeiter:innen» zur Entwicklung Winterthur zu erhalten. Das Amt für Stadtentwicklung nahm dies zum Anlass, zusammen mit dem Interkulturellen Forum Winterthur, ein Projekt aufzugleisen, bei dem die Geschichte der Migration aufgearbeitet und an eine breite Öffentlichkeit vermittelt werden soll.
Feierlichkeiten und Führungen
Die festliche Strassenbenennung am Abend des 7. Mai bildet den Auftakt dazu. Das Interkulturelle Forum Winterthur wird in den nächsten Monaten in der Stadt Winterthur mehrere Führungen zur Winterthurer Migrationsgeschichte und Inhalte auf der neuen Webplattform «Wintegration.ch» anbieten. Zusätzlich finden Veranstaltungen zum Thema statt.
Das «Villaggio», ein Stück Winterthurer IndustriegeschichteNach dem Zweiten Weltkrieg setzte europaweit eine Hochkonjunktur ein. Die exportorientierten Winterthurer Industriebetriebe benötigten dringend Arbeitskräfte, die sie aktiv in Italien und an-deren Ländern anwarben. Die ausländische Bevölkerung der Stadt wuchs bis in die 1970er-Jahre von vier auf neunzehn Prozent. Da die vielen Arbeitern nicht innerhalb kurzer Zeit vom Wohnungsmarkt absorbiert werden konnten, errichtete die Firma Sulzer eigene Unterkünfte. Insbesondere die Baracken sind zu einem Teil der Winterthurer Bau- und Kulturgeschichte geworden. Sie dienten als zweckmässige Alternative zu Optionen auf dem freien Markt, wo Hauseigentümer Ställe und Garagen zu überzogenen Preisen an Ausländer vermieteten. Die ursprünglich fünf Baracken des «Villaggio» in Oberwinterthur verfügten über fliessend Wasser und konnten im Winter beheizt werden. Warmwasser wurde in einem separaten Schuppen zum Waschen der Kleidung aufbereitet. Für Ordnung und Sauberkeit sorgte eigenes Putzpersonal, das aus Frauen bestand Die Baracken waren nur für Männer gedacht, die im Rahmen des Saisonnier-Statuts eine befristete Anstellung und Aufenthaltsbewilligung hatten. Sobald die Familie nachziehen konnte, wurden sie in herkömmlichen Wohnungen untergebracht. Um für Beschäftigung in der Freizeit zu sorgen, errichteten die Bewohner der Baracken eine Boccia-Bahn und einen Fussballplatz. Anfang der 1960er-Jahre liess die Firma Sulzer an der Hegifeldstrasse 76 eine grosse Arbeiterunterkunft im Massivbau erstellen. Mit dem Konjunktureinbruch der 1970er mussten viele Saisonniers die Schweiz verlassen, die Baracken verloren an Bedeutung und zwei von ihnen wurden abgerissen. Die restlichen Gebäude dienten bis zum Bau des Eulachparks 2008 verschiedenen Kulturvereinen als Vereinslokal (z.B. dem kroatischen Kulturverein oder dem Centro Andaluz). |




